Seuchen, die Strafe Gottes

Media vita in morte sumus – Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.

Diese Feststellung beherrschte das Denken des mittelalterlichen Menschen. Der Tod war im Mittelalter allgegenwärtig: Er stand bereits neben der Wiege, denn die Säuglingssterblichkeit war ebenso hoch wie die der Mütter. Das Wissen um die Ursachen der Erkrankungen, die den Menschen zwischen Wiege und Bahre befallen konnten, war ebenso beschränkt wie es die Heilmöglichkeiten waren. Neben dem Wunsch nach Genesung beschäftigte den mittelalterlichen Menschen aber ebenso das Bedürfnis, der Prüfung durch die Krankheit in Demut und Gottvertrauen zu begegnen. Krankheit wurde als göttliche Prüfung angesehen, zumal wenn es sich um ein langwieriges und schmerzhaftes Siechtum handelte. Bücher über die ars moriendi, die Kunst als rechter Christ zu sterben, waren im Spätmittelalter Bestseller, wie heute Bücher zur Lebensberatung.

Die Pest

Der schwarze Tod, wie die Pest auch genannt wurde fegte beim ersten Auftreten wie ein rächender Feuersturm durch Europa und tötete ihre Opfer binnen weniger Tage, ja Stunden. 1347 wohl von einem genuesischem Schiff auf der Schwarzmeer-Route nach Italien eingeschleppt, zog der „Schwarze Tod“ seine Todesspur durch den ganzen Kontinent. Die Pest, trat von ein und demselben Erreger verursacht, unter zwei historischen Erscheinungsformen auf: Die Beulenpest, einhergehend mit sehr hohem Fieber großen, eitrigen Schwellungen der Lymphdrüsen und wird vom Rattenfloh übertragen. Die durch Tröpfcheninfektion übertragene Lungenpest, die zumeist in kälteren Regionen auftrat und verbunden mit hohem Fieber und blutigem Auswurf innerhalb kurzer Zeit in fast allen Fällen zum Tode führte. An der Beulenpest starben 50 – 80% der Erkrankten. Mangelnde Hygiene und schlechte Ernährung führten zu einer raschen Verbreitung, weite Landstriche verödeten und ganze Dörfer starben aus. Nach dem „Schwarzen Tod“ war nichts mehr wie es vorher war. Das „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ hatte eine neue Realität gewonnen, vor allem als man begriff, daß die Pest jederzeit wiederkommen konnte. Die dominierende Figur in der Literatur und der darstellenden Kunst wurde das Gerippe des Todes, das Jedermann und Jedefrau jeden Augenblick zum „letzten Tanz“ führen konnte. Für die christliche Nächstenliebe stellt die Infektionskrankheit eine gewaltige Herausforderung dar. Die Errichtung von Pestspitälern vor den Mauern der Städte war ein wesentliches Mittel um die Epidemie einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Die Pfleger, die den Kranken dort die meist kurze Pflege angedeihen ließen, müssen eine heroische Glaubensstärke besessen haben.

Der Pestzug

Gruselig wird’s wenn die Pest auch in Hoya einbricht!

Jeweils am Samstag des Katharinenmarktes wird in Hoya in tiefer Dunkelheit der Pestkarren mit den Kranken über die Gasse rumpeln. Menschen, die der „Schwarze Tod“ noch nicht befallen hat, folgen der Bitt- und Bußprozession. Das Grauen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Dann entschwindet der Zug im Dunkeln, aus dem der Tod erscheint und eine Rede über seine Machenschaften im Mittelalter hält. Die Leichen werden in die Weser geworfen und die Überlebenden feiern ausgelassen das Ende der Seuche – immer in der Gewißheit, dass die Pest jederzeit zurückkehren kann.